September 1918 wird der Haarmann zum ersten Mal nachweislich aktiv. Unentdeckt von der Polizei. Unentdeckt von den Nachbarn. Unentdeckt in einer Zeit, in der man an andere Dinge dachte, als den seltsamen Nachbarn oben in der Wohnung. Es ist der Beginn der Weimarer Republik. Ein Krieg erst mühevoll überstanden und schon klopft unwissentlich der nächste leise an die Tür und will hereingelassen werden. Man nagt am Hungertuch, dreht jedes Geldstück fünfmal um, bietet notfalls seinen Körper als Bezahlung an und plötzlich verschwindet der Nachwuchs zahlreicher Familien.

“Ich weiß nichts davon, ich bin neu.
Man war mehrmals bei der Polizei.
Und dann?
Ist nichts passiert.
Was haben Sie für einen Verdacht?
Beim letzten Mal wurde man ausgelacht.
Ich bin hier, weil ich Sie ernst nehme.” (S.87)

Robert Lahnstein ist neu auf der Polizeidienststelle in Hannover. Er nimmt sich des Falles an und fängt an zu ermitteln. Stück für Stück taucht er in der Materie ein, empfängt zahlreiche verzweiflte Mütter und Väter, verhört diverse Menschen, die etwas gesehen haben könnten und stößt dabei auf eine Menge Fragen. Zumal er irgendwann feststellen muss, das ein gewisser Herr Haarmann bereits im Visier der Beamten war und dann wieder frei gelassen wurde.

Warum? Liegt es an den mangelnden Beweisen? An der Tatsache, dass er Mann, der nachweislich ein Vorliebe für das junge männliche Geschlecht hat, ein Spitzel für die Polizei arbeitet? Oder ist es einfach schlampige Arbeit? Lahnstein geht der Sache auf den Grund. Vor allem der Aspekt mit dem Menschenfleisch interessiert ihn. Könnte es sein, dass das Fleisch an das benachbarte Restaurant verkauft wird? Immerhin gibt sich Haarmann als Schlachter aus.

“Ich habe solche Angst um meinen Jungen, und Sie sagen nur Dinge, die ich nicht verstehe, sagte sie.
Seine Hoffnung schwand.
Wie heißen Sie?
Hennies.
Ihr Sohn ist Adolf Hennies?
Mein Sohn, ja.
Nummer zwölf. Das Dutzend ist voll.” (S.61)

Na, Blut geleckt? Hatte ich auch! Fritz Haarmann ist ein Mann, der jahrelang unbemerkt Morde beging und nie nachweislich gefasst werden konnte. Ganz im Gegenteil. Eher sein Freund Hans Grans. Nur einem Zufall ist es zu verdanken, dass die blutgetränkten Dielen in der Wohnung Haarmanns entdeckt wurden und der Mörder endlich seinen Prozess bekam. In interessanter Fall, der durch seine Tiefe schon zahlreiche Künstler zu Werken inspiriert hat. So kann man den Comic “Haarmann” von Peer Meter dazu lesen oder dem Lied von Ost+Front (siehe unten) lauschen. Aber egal was man nimmt, die Grausamkeit ist überall zu spüren.

In diesem Buch allerdings nicht. Nicht so, wie man es erhofft. Natürlich sind die Morde grausam. Hier wird nichts schön geredet. Auf gar keinen Fall! Jedoch verliert sich der Autor in Nichtigkeiten. Politische Situationen werden ans Tageslicht gezerrt, passend zur Zeitepoche und trotzdem zu viel und intensiv. Lahnstein hat dunkle Wolken über sich schweben. Die Schatten des erstes Weltkrieges lassen seine Seele nicht ruhen und ihn fast schon depressiv durch die Straßen Hannovers streifen und dazu ein fast schon stakkatohafter Schreibstil, der es einem noch schwerer macht, in der Geschichte zu versinken.

“Möge Hans Grans mir verzeihen für meine Rache, die Menscheit aber mir meine Morde welche ich in Krankhaften Zustand beging. Mein Tod und Blut gebe ich gern zur Sühne in Gottes Arme und Gerechtigkeit.” (S.314)

Ich muss es also ausprechen: “Der Haarmann” hat mich enttäuscht. Hätte ich nicht privat ein generelles Interesse an Mördern und ihren Beweggründen, hätte ich das Buch auch abgebrochen. Zum Glück habe ich das nicht gemacht, denn am Ende bekommt der Haarmann endlich seinen Freiraum. Außerdem haben mich die kleinen Unterbrechungen aus der Sicht eines Jungen gut unterhalten. Diese Abschnitte mochte ich und haben allem noch mal eine andere Sichtweise gegeben, die des unwissenden Opfers.

Letztlich kann ich von meiner Leseerfahrung her keinen Lesetipp aussprechen. Da mich vor allem der Schreibstil aus der Bahn geworfen hat, empfehle ich neugierigen LeserInnen in die Leseprobe reinzuschauen. Das ändert zwar nichts an den Abschweifungen im Buch, aber so sieht man direkt, ob man das Werk lesen möchte und kann. Schade um das Buch und das gehaltvolle wahre Thema um einen geköpften Mörder aus Hannover.

Genre: Crime / VÖ: Februar ’20 / Verlag: Penguin Verlag* / Serie: Einzelband

erhältlich bei: hugendubel.de*

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