„Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald. Es war so finster und auch so bitterkalt. […]“

Max und Ellie sind wie Hänsel und Gretel auf der Suche nach dem Pfefferkuchenhaus. Sie suchen Zuflucht in einem geschützten Heim, bei ihrem Opa. Denn dahin schickte ihre Mutter sie mit letzter Kraft, bevor sie aus deren Leben verschwand. Nur ist Berlin nicht gerade für seine dichten Wälder bekannt und knusprige Häuschen erst recht nicht und so beginnt eine kleine Odyssee aus Kinderaugen durch das lebhafte Berlin.

Als nächstes begegnen wir einer jungen Frau, die scheinbar ihr Gedächtnis verloren hat. Verfolgt und in die Ecke gedrängt, wird sie von einem Mann gerettet, der sie wohl gut kennt. Und so vertraut sie ihm. Folgt ihm. Bis sie stutzig wird und flieht. Ähnlich den beiden Kindern, folgt sie einer spärlichen Brotkrumenspur und hangelt sich von einer zaghafter Erinnerung zur nächsten. Dabei schürt sie öfter als gewollt böses Feuer neu an und kommt ihrem eigentlichen Schlüsselerlebnis nur langsam auf die Spur.

„Dornröschen, schlafe hundert Jahr […] Da kam ein junger Königssohn […] Dornröschen, wache wieder auf „

An dritter Stelle kommt der Kommissar Kalkbrenner daher. Bei ihm herrscht kein Märchenfeeling. Er hat momentan ganz andere Sorgen und kein Blick für Brotkrumen und verirrte Prinzessinnen. Er hat es mit zwei Tatorten zu tun, die sich als schlimmer entpuppen, als zunächst vermutet. Egal ob seltsamer Einbruch mit anschließendem Mord a la „1000 Ways to die“ oder der Herzinfarkt eines älteren Mannes, der dunkle eiskalte Geheimnisse hatte.

Irgendwie sind nun diese drei Stränge miteinander verknotet. Das ist direkt offensichtlich. Doch wie und in welcher Form, erschließt sich dem Leser erst nach und nach. Wenn man die wirren Haare entwirrt und ihrer Spur, bis zum Ansatz folgt. Das ist auch das, was ich an den Büchern von Martin Krist sehr mag: Er springt von Szene zu Szene, erzeugt dadurch einen unglaublichen Lesesog und dabei vergisst man ganz, selbst mit zu denken und Zusammenhänge zu knüpfen. Erst wenn man Luft holt, ein Tässchen Tee schlürft und über das Gelesene nachdenkt, finden die Rädchen im Kopf zu einander und man schlägt sich die Hand vor den Kopf.

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herab!“

Von der Reihe um Paul Kalkbrenner ist dies mein erster Band gewesen. Mir fehlten dennoch nicht die Vorgängerbände, da alles in sich schlüssig ist. Vielleicht lag es auch daran, dass Herr Krist seine Figuren auch in anderen Büchern von ihm unterbringt und der Kommissar mir somit kein gänzlich Unbekannter war. (Oder er ähnelt einfach zu sehr zwei weiteren Ermittlern, deren Geschichte ich momentan verfolge und die ebenfalls eine Tochter haben und ohne Ehefrau derzeit leben 😉 ). Da könnte man jetzt mainstream schreien, mache ich aber nicht. Warum? Weil es nicht gerechtfertigt wäre. Dafür sticht er mit seinem Stil zu sehr aus der Masse hervor.

Alles in allem hat mich das Buch überzeugt und voll in seinen Bann gezogen. Es hat Spaß gemacht, nach dem Knusperhaus und dem Märchenprinzen zu suchen, wie die Figuren selbst und dabei dunkle (eklige) Geheimnisse aufzudecken. Ein dicker Kritikpunkt ist allerdings das Ende. Da kam ich weder mit dem kurzen Finale, noch der Wortwahl von Kalkbrenners Kollegin Muth klar. Das wirkte nicht sonderlich rund und/oder passend.

Trotzdem: Martin Krist sollte man als Crime-Liebhaber gelesen haben! Sein Schreibstil ist nicht zu verachten und immer einige Lesestunden wert!

maerchenwald-sketch


Genre: Thriller / VÖ: August 2016 / Verlag: Ullstein / Serie: Kalkbrenner #5 / Region: Berlin


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