t tödliche spur, lisa jackson

Stell dir vor, dein Kind verschwindet. Die Leiche wird nie gefunden.
Stell dir vor, man erklärt dich für verrückt. Keiner widerspricht dem.
Stell dir vor, du stellst Fragen. Man versucht das zu unterbinden.Stell dir vor, du kannst keinem trauen. Nicht einmal deinem eigenen Ehemann.
Würdest du an eine Verschwörung glauben?

Ava glaubt daran!

Vor zwei Jahre verschwand ihr kleiner Sohn Noah spurlos. Bis heute konnte die örtliche Polizei keine Kinderleiche finden und der Fall wurde zu einem cold case. Dennoch bleibt man offiziell bei der Variante, dass der Junge einem Unfall erlegen ist. Schließlich gab es nie eine Lösegeldforderung, was eine vermutete Entführung unterstrichen hätte.
Seine Mutter – Ava Garrison – plagen seitdem Albträume. Fast täglich sieht sie ihren Jungen am Wasser stehen, läuft ihm schreiend hinterher, bis sie schreiend aufwacht.

Sie nimmt Tabletten dagegen und wird therapeutisch betreut.
Doch eines Tages keimen Zweifel in heran. Was ist, wenn ihr Sohn noch lebt? Er wäre vier Jahre alt. Wieso sollte das unmöglich sein? Schließlich kann sie seine Stimme hören! Ihre Familie stempelt ihre Euphorie als einen weiteren verrückten Anfall ab und glaubt ihr nicht im Geringsten. Stattdessen droht man ihr eher, sie wieder in die Anstalt einzuliefern, wo sie schon einmal gewesen ist.

“Ava fühlte sich seltsam beunruhigt und rastlos.” (S.332)

Das Misstrauen in Ava wächst jedoch immer mehr. Plötzlich kommt sie sich vor, wie in einem Gefängnis in ihrem eigenen Haus. Sie fühlt sich beobachtet, genötigt diese verfluchten Pillen zu nehmen. Jemand will sie für verrückt erklären, da ist sie sich sicher. Aber wer glaubt schon einer Verrückten, die sich selbst als nicht verrückt erklärt? Keiner.

Der Leser ist genauso verwirrt wie die Hauptfigur selbst.

Man wird in dem Strudel aus Verschwörung, Misstrauen, Verrat und Hass mitgerissen, ohne dass man was dagegen machen kann. Glaubt man einen Funken Wahrheit gefunden zu haben – wird er im nächsten Augenblick wieder zerstreut. Die meiste Zeit ist man mit Ava selbst unterwegs und lernt entsprechend die Gedanken der anderen Familienmitglieder kaum kennen. Das wirkt so ähnlich, als würde man sie aus der Ich-Perspektive beobachten, was jedoch nicht der Fall ist. Dennoch bindet es einen an diese Frau, die völlig verzweifelt ist und nicht mehr weiß, wem sie eigentlich noch trauen kann.

Irgendwann wird im dem Buch sinngemäß gesagt, dass das Haus, auf der Insel Church Island, die Familie, die scheinbare Idylle, doch richtig harmonisch wirkt. Ja, das wirkt sie – es wirkt wie einem Rosamunde Pilcher Roman entsprungen, nur eben mit einigen fiesen Verschwörungen, die es aufzudecken gilt. Trotzdem plätschert das Buch eine ganze Weile vor sich hin.

Man ist allein gelassen mit Ava, die eine Theorie nach der andren entwickelt und man weiß selbst nicht, ob es wahr ist oder ihrer blühenden Fantasie entspringt. Es geschieht kaum etwas.
Als dann endlich der erste Hammer fällt, freut man sich auf den Stimmungswechsel, der sich jedoch nicht so richtig einstellen will. Es geht im gleichen Wer-traut-wem-Ton weiter.

“Das ist doch verrückt.”
“Das ist hier offenbar ganz normal.” (S.464)

So kommt das ganze Buch, trotz der Verschwörungen und dem unterschwelligem Misstrauen sehr seicht rüber. Denn erst nach ca. 3/4 des Buches baut die Spannung extrem auf. Ein Ereignis überschlägt das Nächste und man ist eifrig dabei die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Natürlich entwickelt man im Lauf der der Zeit seine Vermutungen und pickt sich seine Schuldigen heraus. Einige bestätigen sich auch, doch die ein oder andre ist zum Glück etwas überraschend, sodass das Ende sogar einen kleinen Oha-Moment mit sich bringt.

“Damit hätten wir unsere Verdächtige Nummer eins.” […]
“Leider sind die Dinge nie so einfach.” (S.526)

Die Figuren aus “Tödliche Spur” wirken die ganze Zeit gut überlegt und raffiniert zusammengestellt. Sei es die verweifelte Mutter Ava, die nervlich am Ende ist. Der vorsorgliche Ehemann Wyatt, welcher weiter seiner Arbeit nachgeht und Normalität vorgibt. Ihre Cousine Jewel-Anne, welche im Rollstuhl sitzt und brav die Trotzige gibt. Der ruhige Ranchmitarbeiter Austin, der kaum etwas von sich Preis gibt und dennoch an der Familie interessiert ist.

Tanya, die gute Freundin aus dem Dorf, die immer guter Laune ist und sich Sorgen macht und so weiter.
Die Liste könnte unendlich weitergehen, da es einige Charaktere gibt, die einem vorgestellt werden. Ein großes Netz, wo jeder der Schuldige sein könnte. Dennoch behält man problemlos den Überblick, was man der Lisa Jackson hoch anrechnen kann, denn so was schafft nicht jeder Autor!

Nichtsdestotrotz haute einen der Thriller am Ende nicht von den Socken. Da ich schon die oben genannten Bücher von Jackson kenne und natürlich etwas in dem Stil erwartet habe, auch wenn es ein Einzelband ist. Das Problem ist die Dauer der Theorien.

Es passiert Seitenlang nichts, bis auf “Du bist verrückt!” – “Nein, bin ich nicht” – “Nimm deine Tabletten” – “Du brauchst Hilfe!” – “Ich bin nicht verrückt!”. Das ewige hin und her, ist anfangs sehr interessant zu lesen, nur irgendwann hängt es durch und man möchte Fakten. Sehr schade um das Buch, da die Idee von einem Verschwörungsthriller in diesem Stil wirklich gut ist.


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Genre: Thriller / VÖ: April 2014 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Einzelband


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