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Wer kennt ihn nicht, den großen Sherlock Holmes? Der Meisterdetektiv aus dem trüben regnerischen London. Den Mann, der selbst die kuriosesten Fälle löst und immer wieder durch seine komplexen Lösungsansätze überrascht? Dessen Geschichte zu abertausenden fortgeführt wurden und in zig Verfilmungen seine treuen Fans stets auf neuste beglückt? Fast jeder. Aber wer kennt auch den Schöpfer dazu? Arthur Conan Doyle? Wer lässt ihn erzählen, wie er zu seinen Erzählungen kam? Der Autor David Pirie hat genau diesen Weg gewählt, um in die Welt des Sherlock Holmes’ einzutauchen.

Es ist das Jahr 1898 als Arthur Conan Doyle beschließt über jene Ereignisse zu schreiben, die er als junger Arzt im Jahre 1882 in Abbey Mill in Hampshire erlebt hat. Ein weiblicher Leichnam erinnerte ihn an die hübsche Dame namens Heather Grace, welche damals ihn wegen eines Augenleidens aufsuchte. Genau jene Augen starrten ihn nun gebrochen an. Was war mit der Frau geschehen? Hatte sie sich das Leben genommen oder hatte jener Geist der Vergangenheit sie grausam eingeholt? Und so beginnt Doyle in die Vergangenheit einzutauchen.

Geschrieben wird aus der Ich-Perspektive, was sicher den ein oder anderen nun aufstöhnen lässt, aber gerade hier passt es wunderbar. Man lernt nach und nach die Figuren kennen, denen Doyle in seinem fiktiven Leben begegnet ist. Er spricht dabei auch dezent an, wer seine Charaktere aus seinen späteren Romanen beeinflusst hat. Gleichzeitig  treten auch Menschen auf, die den echten Arthur Conan Doyle kennen gelernt haben.

Allen voran Joseph Bell. Ein Professor, der an der University of Edinburgh lehrte. Dort wird Doyle durch amüsante Umstände sein Assistent. Sie sind von Anfang an wie Katz und Maus. Ein Paar, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Dennoch gewinnt der alte kauzige Bell schnell das Herz von dem heranwachsenden Doyle und schon bald sieht er ihn ehrfurchtsvoll als seinen Mentor an, von dem man sehr viel lernen kann.

Im Jahre 1883 macht sich nun der angehende Arzt auf, seine eigene Praxis zu eröffnen und findet in Abbey Mill Unterschlupf bei Dr.J.Cullingworth. Er ist ein altere Studienkollege von Professor Bell und hilft Arthur bereitwillig Fuß zu fassen. Doch schnell merkt der junge Mann, dass mit diesem Cullingworth nicht alles koscher ist. Er behandelt die Menschen kostenlos, stellt aber die Medizin – seltsame Tinkturen – in Rechnung.

Ob sie helfen ist die eine Frage, Tatsache ist jedoch, dass die ärmlichen kranken Menschen ihm verfallen sind und lieber das teure Gebräu trinken, als sich Essen und Kleidung zu kaufen. Damit kommt Doyle nicht zurecht und nach kurzem Hin und Her, bekommt er seine eigene Praxis. In eben dieser hektischen Phase lernte er Heather Grace kennen, seine erste richtige Patientin, die ihm mehr ans Herz wächst als ihm lieb ist. Trotzdem muss er herausfinden, was es mit Heathers unheimlichen Begegnungen auf dem Radweg auf sich hat. Somit beginnt eine holprige Suche nach der Wahrheit.

David Pirie schafft es von der ersten Seite an, den Leser in die viktorianische Welt Englands eintauchen zu lassen.

Man spürt den Dreck, die stickige Luft, das feuchte Klima, die menschliche Disantziertheit und lernt die wachsenden Technologien kennen, die noch in den Kinderschuhen stecken. Da dies der Serienauftakt zu den dunklen Anfängen von Sherlock Holmes ist, wird sich hier sehr auf die Hauptfiguren konzentriert. So geht leider ab und an, der Headliner, nämlich Heather Grace, völlig unter. Stattdessen wird der Blick des Lesers auf Doyle und Bell fokussiert. Man kommt dabei nicht drumherum, automatisch an Holmes und Watson zu denken. Die Einflüsse sind deutlich zu erkennen, auch wenn der fiktive Doyle gelegentlich abstreitet.

Natürlich ist es eine wunderbare Idee, den treuer Sherlock Fans diesmal keine neuen Abenteuer des Detektivs vorzulegen, sondern den Autor quasi selbst reden zu lassen. Dennoch geht, wie oben gesagt, der Hauptfall teilweise recht unter. Es wird mit Rückblenden gearbeitet, es werden Andeutungen zu Doyles Leben und seiner Frau gemacht, die größtenteils unbeantwortet bleiben, dann springt man wieder zu dem Fall Heather Grace, um kurz danach die wirren Gedanken Arthurs kennen zu lernen.

Es bleibt dabei aber trotzdem immer übersichtlich und der rote Faden ist immer irgendwo zu sehen. Lediglich die Ansätze und “logischen” Herangehensweisen von Professor Bell sind nicht immer nachvollziehbar. Sie erinnern stark an das typische Holmes Denken. Man selbst weiß nichts, aber in Holmes Hirn raucht es, bis er plötzlich mit seinem Ergebnis kommt und es einem verdutzt präsentiert, ohne dass man es selbst alles zusammen geklaubt bekommt.

Alles in allem kann ich diesen Krimi empfehlen. Trotz seiner Mankos lies er sich flüssig lesen. Man lernt diverse Dinge näher kennen, mit denen man sich so im Alltag nicht beschäftigen muss, wie beispielsweise das Lesen eines Geheimtextes. Hier wird ein besonderes Augenmerk drauf gelegt und die Texte können sogar im Original gelesen werden. Autobiographische Züge sind hier wieder gut erkennbar, was mir auch sehr gefallen hat.
Und da auch nicht alles Fragen geklärt wurden, bin ich umso mehr auf den zweiten Band gespannt, der Anfang 2015 in Deutschland erscheinen soll.


Genre: Krimi / VÖ: Mai 2014 / Verlag: Bastei Lübbe / Serie: Serienauftakt.

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