das mädchen ohne gesicht, thriller

“Silvester.” [S.7]

Ein Tag, an dem viele nur an das abendliche Feuerwerk, das üppige Essen und Unmengen an Alkohol denken. Ein Tag, an dem man mit dem Alten abschließt und auf das Neue wartet. Ein Tag, den man fröhlich verbringt, meist umgeben von Freunden. Jamar Jackson hingegen muss arbeiten. Auch dieses Los haben viele Menschen gezogen. Während andere sich gehen lassen, müssen sie schuften. Doch Jamar braucht das Geld und so jammert er nicht herum, sondern fährt eine Partylimousine mit feierwütigen Gästen durch die Stadt. Diese sind inzwischen soweit, dass sie halbnackt herumtollen und auch ihr Fahrer davon nicht ungerührt bleibt. So kommt es, wie es kommen muss. Vor ihnen bremst ein Auto, Jamar kann den gewaltigen Koloss nicht mehr halten, nicht ausweichen und kracht in seinen Vordermann. Aus dessen Kofferraum plötzlich ein Zombie entspringt und auf die Straße klatscht.

Völlig geschockt und verstört vor sich hinbrabbelnd finden die Detectivs Kovac und Liska ihn später vor. Doch sie können keine Rücksicht darauf nehmen. Es muss geklärt werden, wer dieser Zombie ist. Der nämlich menschlicher ist, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist eine junge Frau, die grausam zugerichtet, mit Messerstichen malträtiert und letztlich mit Säure im Gesicht übergossen wurde. Kein Wunder, dass sie auf den ersten Blick, wie eine grinsende Untote ausschaut. Hier liegt auch das Problem: Dank fehlender Gesichtszüge ist eine Gesichtserkennung fast unmöglich. Man muss Vermutungen anstellen, wie die Frau ausgesehen hat, was bei der Opfersuche nicht hilfreich ist. Denn eine Gesichtsmodellation würde zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Aber man hat Glück im Unglück und findet eine Tätowierung. Sofort werden erste Umfragen gestartet und erhält einen derben Rückschlag: Es ist ein Modetattoo. Fast jeder Jugendliche trägt es derzeit und so geht die Suche nach der Nadel im Heuhaufen weiter.

Den Partnern Kovac und Liska sitzt allerdings die Zeit im Nacken. Erste Vermutungen, dass dies die Nummer 9 des bekannten Holiday-Killers ist, werden wieder verworfen. Zwar gibt es zahlreiche Übereinstimmungen, allerdings zu gleichem Anteil ebenfalls eine Menge Unterschiede. Geht ein Trittbrettfahrer herum? Ist es ein Einzeltäter? Ein Zufallsopfer? Was ist mit dem Holiday-Killer? Wird er sich rächen, dass er nachgeahmt wurde? Oder probiert er nur eine neue Masche aus? Die beiden sind komplett überfragt und müssen somit jedem noch so winzigen Hinweis nachgehen, damit endlich das Mädchen ohne Gesicht identifiziert und die eigentliche Jagd nach dem Killer begangen werden kann. Wie ihr Chef die ganze Situation findet, kann man sich sicher denken. He is not amused.

Das klingt nicht anders als andere Thriller? Auf den ersten Blick ist das korrekt.

Liest man andererseits in die ersten Kapitel hinein, merkt man direkt den Unterschied. Es ist der Schreibstil, mit dem einen Tami Hoag direkt um den Finger wickelt. Der makabere Beamten-Humor ist genau richtig dosiert und man muss durchaus manchmal schmunzeln, wenn Kovac und Liska sich derbe Sprüche an den Kopf werfen und ihr Umfeld damit total verstören. Außerdem wird es nie langweilig. Zwar es geht es “nur” um die Suche nach einem Mörder, dennoch ist die Verpackung perfekt verklebt. Stück für Stück reißt man einen Papierschnipsel weg und kommt der bitteren Wahrheit auf die Spur. Die ist komplett anders, als man es erwartet. Zumindest ich (!!) war überrascht und habe mich zugleich gefreut, dass diese klare Spur erst recht spät dem Leser gezeigt wird.

Den Weg dorthin hat die Autorin auch geschickt gewählt. Man wechselt immer zwischen Einzelansichten von Kovac und Liska. Lernt Kovacs private Probleme und Liskas Sorgen um ihre beiden Söhne kennen. Freundet sich mit dem Duo und ihren gemeinsamen Mometen auf der Arbeit rasch an und ist zugleich über die klare Brutalität des Serienkillers schockiert. Dieser darf übrigens auch zu Wort kommen. Jedoch nur recht dezent und ich bin mir hier nicht schlüssig, ob das gut oder schlecht ist. Da er allerdings schon gewütet hat, nehme ich stark an, dass er im Vorgängerbuch reichlich zu Wort kam. Von daher werde ich hier nicht darauf herumreiten. So war das Paket rundherum stimmig und das Auspacken machte tierisch Spaß.

Alles in allem bin ich sehr positiv überrascht gewesen. Ich kannte die Autorin bis dato nicht und hatte auch keinen Hinweis darauf, dass dies nicht der Serienstart, sondern Band 4 ist – was übrigens nicht schlimm ist. Jetzt will ich definitiv mehr von ihr lesen! Schade ist nur, dass wohl Band 2 dieser Reihe um die beiden Detectives nicht in Deutschland existiert?! Es gibt aber auch noch mehr Reihen von ihr und wohl auch Einzelbände. Eine Menge Lesestoff also! Und wer Tami Hoag ebenfalls nicht kennt, darf mit ruhigen Gewissen als Einstieg zu diesem Exemplar hier greifen!

sketch-maedchen-o-gesicht


Genre: Thriller / VÖ: Juli 2015 / Verlag: blanvalet / Serie: Kovac & Liska #4 / Region: Amerika – Minnesota


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