Dunkelschwester (1)

“Das Summen meines Handys ist wie das Schaben einer Kakerlake unterm Bett. Keine echte Gefahr, trotzdem bin ich zu Tode erschrocken. Es ist die gleiche Angst die einen befällt, wenn es kurz vorm Einschlafen noch an der Tür klopft.” (Buchbeginn)

Es ist mitten in der Nacht, als Irini einen Anruf von ihrer Schwester annimmt. Ihre gemeinsame Mutter ist verstorben und soll in den nächsten Tagen beerdigt werden. Als sie nach dem kurzen Gespräch aufgelegt und zurück in ihr kuscheliges Kissen gesunken ist, wird ihr erst richtig bewusst, was soeben passiert ist: Die Frau, die sie einst auf die Welt gebracht hat. Die gleiche Frau, die sie als Kleinkind weggegeben hat. Wo nie ein neuer Kontakt bestanden hat, ist nun von ihr gegangen. Was empfand sie dabei?

Irini braucht nicht lange zu überlegen und sagt zu, hoch nach Schottland zu kommen. Dabei geht es nicht zwingend um die Beerdigung. Nein, sie möchte zu ihrer Schwester Elle und die Wahrheit herausfinden. Hatte sie ihre Mutter umgebracht? Zutrauen könnte sie es ihr. Immerhin neigte Elle zu äußerst exzentrischen Taten, bei dem schon so mancher zu Schaden gekommen ist. Außerdem ist da noch ihr Vater. Wer weiß, was er ihr erzählen kann und möchte.

“Er öffnet mir die Augen. “Aber drei Jahre lang wollten sie dich. Sie haben dich bei sich behalten und geliebt. ganz sicher.” Ich denke an das Gesicht meines Vaters, der mich heute Morgen vor lauter Scham kaum ansehen konnte.” (S.101)

Kaum dort angekommen, schlägt die Welle der Vergangenheit über ihr ein und treibt sie förmlich davon. In Rückblicken, Gesprächen und neuen Momenten erfährt man, wie es Irini ergangen ist. Wie sehr sie unter der Tatsache leidet, dass sie fortgegeben wurde und Elle da bleiben durfte. Zudem hatte ihre große Schwester bei kleinen geheimen Treffen keinen guten Einfluss auf sie. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die ersten dunklen Wolken des Ärgers stehen bereits frisch am Himmel.

Diese Szenenwechsel kommen manchmal etwas abrupt daher. Trotzdem verliert man hier nicht den Überblick. Ganz im Gegenteil, alles wird hinterfragt und durchleuchtet. Offene Fragen, werden rasch geklärt. Allerdings kommen mit der Zeit immer neue Ereignisse hinzu und man fragt sich worin das alles gipfeln soll? Es wird so extrem, dass man die Handlung nicht mehr so recht ernst nehmen kann. Es wirkt unglaubwürdig. So sehr man Irini baldige Ruhe gönnt. Dieser eingeschlagene Weg scheint nicht der Richtige zu sein.

“Mir wird schlecht vom zuhören. Ich will weglaufen. Mich übergeben. Schreien, dass das alles nicht stimmt. So bin ich nicht.” (S.300)

So schön die Andeutungen sind (siehe Schmetterling auf dem Cover) und man zeitweise mitgenommen ist, von der Bürde, den die verstoßene Tochter ertragen musste. So sehr war ich es auch Leid, dass einem nichts Gutes gegönnt wird. Stattdessen wird auf das erste i-Tüpfelchen noch ein Punkt drauf gepackt und noch einer. Das hat mich etwas traurig gestimmt, da der Ansatz der Grundstory für eine spannende Lektüre gereicht hätte. Stattdessen wird die Kuh so sehr gemolken, sodass die Milch bereits sauer wird.

Letztendlich war ich enttäuscht, dass die Geschichte so aus dem Ruder gelaufen ist. Geschwisterliebe und Hass sind keine neuen Themen und werden gerne für Konflikte innerhalb einer Familie genutzt. Hier ist der Versuch jedoch fehlgeschlagen. Wer keine hohen Ansprüche hat, dem wird das Buch sicher glücklich machen. Ich wurde nicht glücklich.

Prädikat: Kann man lesen, muss man aber nicht.


Genre: Crime/Roman / VÖ: Dezember 2017 / Verlag: Goldmann / Seiten: 448 / Serie: Einzelband

weitere Kritiken: lavender books, happy end buecher,

erhältlich bei: hugendubel

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