“Es begann so, wie as Ende der Welt beginnen wird: mit einem Telefonanruf um drei Uhr früh.” (Buchbeginn)

Also sofern ich nicht um dieses Uhrzeit wach wäre, würde sich die Person am anderen Ende vermutlich einige Hasstiraden von mir anhören können. Wer ruft auch nachts einfach so Leute an? Nun ja, Larry Kallan halt. Ein Mann der unter Schlaflosigkeit leidet. Ein Träumchen! Nur was will er zu dieser späten Stund von Decatur Lucas? Er hat ein Jobangebot. Er bietet Lucas an, für Frank Size zu arbeiten. Da stellt man sich doch direkt die Frage: Wer um alles in der Welt ist Frank Size und wieso wird man deswegen nachts aus dem Bett geklingelt?

“Er hatte eine exklusive tägliche Kolumne, die gleichzeitig in mehr als 850 Tages- und Wochenzeitungen in den Vereinigten Staaten, Kanada und, soweit ich wußte, in der ganzen Welt veröffentlicht wurde. […] die Kolumne [konnte] in einem Absatz einen Ruf zerstören, und es gab viele, die sie für mindestens zwei Selbstmorde verantwortlich machten.” (S.13)

Oh, weh! Politik, Journalismus, trockene Themen, die einen nicht gerade Freudentänze aufführen lassen. Mich zumindest nicht. Dennoch habe ich das Buch nach dieser Einleitung nicht beiseitegelegt. Lucas bekommt nämlich direkt zu Beginn den Auftrag herauszufinden, warum sich ein Senator namens Robert F. Ames bestechen lassen hat, ob dies im Zusammenhang mit dem Mord an seiner Tochter steht und dann ist da noch diese hübsche Blondine, die plötzlich an der Seite des Senators klebt. Fragen über Fragen, die nach einem derben Skandal duften und nach denen sich die Journalisten die Lefzen lecken.

Es geht also auch um einen Mord. Dieser ist quasi der Auslöser für alles. Bei dem einen toten Menschen wird es nicht bleiben. Weitere unschuldige (?) Seelen müssen das Zeitliche segnen. Dabei keimt der Verdacht auf, dass der gute Lucas ungewollt eine Kettenreaktion auslöst. Denn jedes Mal, wenn er ein wichtiges Detail erfahren soll, kommt der Informant ums Leben. Da passt jemand äußerst penibel auf, was in seinem Umfeld passiert. Nur wer ist es? Und wieso beobachtet der Täter alles mit Argusaugen? Was verbirgt er?

“Mein Gott”, sagte sie, “ist er tot?”

“Er ist tot”, sagte mein Nachbar mit der Taschenlampe. “Von einer Abgesägten erwischt. Hätte ihn fast in zwei Stücke gerissen.” […] “Ich glaube, ich muß mich übergeben”, sagte Mrs. Hatcher. Stattdessen leerte sie ihre Tasse Gin. (S.109)

Die komplette Geschichte, wird aus der Ich-Perspektive des Decaturs Lucas erzählt. Dadurch kommt man der  Figur bekanntlich recht nah. Man erfährt viele Details aus seinem Leben, darf sich mit seinen persönlichen Gedanken herumschlagen und spürt körperliche Leiden sofort. Dummerweise ist Lucas nicht gerade der Sympathieträger schlechthin. Man hat das Gefühl er macht den Job nur, weil er Geld braucht. Ist halt ein Job. Und er braucht Geld. Mitgefühl und Eigeninitiative kommen recht zäh zum Vorschein, was sich auch privat niederschlägt.

Trotzdem bleibt man am Ball. Haftet wortwörtlich an seinen Fersen und klebt an seinen Lippen. Denn ist seine Art und Weise, seine Worte, die das Buch ausmachen. Die nüchternen Beschreibungen so manch einer harten oder peinlichen Szene, bringen einen unweigerlich zum schmunzeln. Selbstironie vom feinsten. Zudem ist das Thema der Politik nicht so trocken, wie gedacht. Ganz im Gegenteil. Da man sich eher in den privaten Kreisen der Senatoren aufhält, bleibt einem einiges erspart.

“Ich war stolz auf mich. Ich hatte an diesem Tag ein paar sehr gute Taten vollbracht. Ich hatte die Toten bestohlen. Ich hatte die Kranken mit starken Getränken getröstet. Ich war spitze.” (S.246)

Stück für Stück nähert man sich so dem großen Finale, was das Komplett aufgedeckt und alles abrundet. Allein der Schreibstil und die Art und Weise, wie sich Ross Thomas einem so heiklen politischem Thema nähert, machen das Buch lesenswert. Auch, wenn man diesem Gebiet normalerweise rasch den Rücken zukehrt. Hier sollte man es wagen und das Buch zur Hand nehmen!


Anzeige

Genre: Crime / VÖ: August 2018 / Verlag: Alexander Verlag Berlin / Serie: Einzelband

erhältlich bei: hugendubel.de

weitere Meinungen:

Die Dunklen Felle ” Ein wunderbar ausgearbeiteter Thriller mit einem kratzig-kalten Schnüffler und einem hervorragenden Figurenensemble, einigen Stunteinlagen und gelungenem Abschluss. Wie immer bei Ross Thomas – ein Lesegenuss.”


 

1 thought on “|Crime| “Dann sei wenigstens vorsichtig”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.