der schneegänger, buchkritik

“Ich finde dich. Verlass dich darauf, ich finde dich.” [S.7]

Es ist kalt. Verdammt kalt und dann liegt auch noch überall Schnee herum. Verflucht! Glatt ist es auch noch! Der Winter ist nicht gerade die Lieblingsjahreszeit von Hauptkommissar Lutz Gehring und dann wird er an genauso einem Tag frühmorgens in ein Waldgebiet zu einer Leiche gerufen. Es ist eigentlich eher ein Skelett, dazu noch ein recht Kleines und irgendwie schreit ein kleines Stimmchen in seinem Kopf die ganze Zeit, dass er genau weiß, wer dort halb verscharrt im Waldboden liegt. Eine Erinnerung die ihm überhaupt nicht gefällt.
Es ist der Junge Darijo, welcher vor vier Jahren nie gefunden werden konnte und daher einen cold case ist. Nun wird die traurige Vermutung zur Gewissheit, der Junge wurde ermordet. Doch wer ist der Mörder? Staubige Akten müssen nun rasch abgeklopft und der Fall neu aufgerollt werden.

Nach ihrem letzten Alleingang, hat die Polizeimeisterin Sanela Beara beschlossen wieder die Schulbank zu drücken. Natürlich nicht irgendeine Schule, schließlich will sie in ihrer Polizeilaufbahn schnell aufsteigen können. So büffelt sie nun fleißig Lehrmaterial, als sie ihren alten Bekannten Kommissar Lutz Gehring wiedertrifft. Das Treffen ist natürlich nicht ganz zufällig geschehen, Gehring will die gebürtige Kroaterin in den Fall mit einbinden. Die Familie des ermordeten Jungen stammt nämlich aus Kroatien und erhofft sich so eine besondere Beziehung aufbauen zu können und eventuell mehr Gefühle zu sehen, die ihm eine heiße Spur geben. Doch es läuft nicht so wie geplant. Man spricht deutsch und die Familienverhältnisse der Familie Tudor haben sich gewaltig verändert in den vergangenen Jahren. Die Eltern des kleinen Darijo haben sich getrennt. Vater Darko lebt im Wald bei seinen Wölfen und Mutter Lida ist nun wohlhabend und hat sich in die reiche Familie Reinartz eingeheiratet.

Völlig perplex von dieser neuen Aufstellung ordnen sich die Gedankengänge des Kommissars rasch neu. Hat der Vater wirklich den Jungen umgebracht? Oder war die Lösegeldforderung nur ein Täuschungsmanöver? Da weder die ersten Gespräche bei Vater oder Mutter 100prozentige Hinwise liefern, beschließt Sanela sich in das Haus einzuschleusen. Als Angestellte. Genügend Kontakte hat sie und auch ihre eigene Familie liefert ihr Informationen, die eindeutig beweisen, dass hier etwas mächtig gewaltig im Argen liegt. Nur was? Ein Mantel des Schweigens umhüllt vor allem die Mutter Lida. So ist es nicht verwunderlich, dass der Vater immer mehr ins Visier der Ermittler gerät. Doch Sanela glaubt dem nicht, so wie sie den Mann kennengelernt hat, kann er einfach kein kaltblütiger Mörder sein. Ein Fakt den es zu beweisen gilt. Auch wenn sie – mal wieder – ihre Karriere aufs Spiel setzen muss.

Es entwickelt ein langsames Katz und Maus Spiel, was mit der Zeit immer rasanter wird. Wird einem mit dem Prolog ein eindeutiger Weg präsentiert, weiß man als stetiger Krimi und Thrillerleser natürlich, dass es meist nie so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Entsprechend habe ich mir meine Meinung sehr zügig gebildet und ich lag mit dieser Vermutung ziemlich richtig. Zumindest was den engeren Personenkreis angeht. Der Täter selbst wird erst recht spät im Buch präsentiert, sodass man hier eine Bestätigung bekam, die ich mir so nicht erhofft hatte. Dass der äußere Schein trügt, passt hier somit wie die Faust aufs Auge. Wer wird nicht stutzig, wenn sich eine Ehe plötzlich auflöst, wo die beiden doch so glücklich waren? Und die neuen Beziehungen recht steif und kalt wirken.

Die Figuren – besonders Sanela – schließt man schnell ins Herz. Man ist direkt wieder drin im Gefühlschaos, sobald man die ersten Seiten verschlungen hat. Lutz Gerhardt ist immer noch der unsichere Beamte, der nicht so recht mit der Frauenwelt klar kommt und in ein paar nette Fettnäpfchen tritt. Entsprechend bemitleidet er sich gerne selbst. Etwas, was zum Glück in dem Buch nicht ausgeweidet wird, sonst würde er mir nur unsympathisch werden.

Sanela hingegen ist komplett von sich überzeugt und recht stur. Der neue Fall weckt ihre Instinkte und sie will unbedingt dabei sein, die Uni wird das schon verstehen. Dass dabei nicht alles genehmigt ist und auch der Hauptkommissar nicht alles abgesegt hat, ahnt man irgendwie. Wie Gerhardt es trotzdem glaubwürdig hinbekommt, sie jedes mal dort herauszureißen ist mir ein wenig ein Rätsel. Denn hier ist es noch offensichtlicher als im Vorgängerband und auf das “Ich hab das geregelt” wird kaum eingegangen. Da muss jemand sehr naiv in der Zentrale sein…

Alles in allem, ist das einer meiner wenigen Kritikpunkte. Ein weiterer ist, dass mir das Flair in “Das Dorf der Mörder” viel besser gefallen hat. Man merkt sehr deutlich die Unterschiede zu einem Dorf und einer Stadt. Zu altbacken und modern. Das spiegelt sich in den Wohnumständen und auch in dem Verhalten der Menschen wieder. Ich habe der Omi aus dem kleinen ehemaligen DDR-Dorf lieber gelauscht, als der wohlhabenden Nachbarschaft aus diesem Band.

Aber das ist Geschmackssache und da ich hier wieder von der ersten bis zur letzten Seite wunderbar unterhalten wurde, möchte ich die kleine Beamtin nicht missen und hoffe auf neue Fälle von ihr. Nur diesmal wünsche ich mir einen Fall, wo sie nicht “undercover” arbeitet, das lutscht sich sonst rasch aus. Allein ihr Charakter macht die junge Frau schon einzigartig, da muss nicht immer das Schema-F aus dem Auftaktsband wiederholt werden.

Zum Abschluss muss ich noch sagen, dass ich auf vieles hier in meiner Kritik in dem Band nicht eingehen konnte um nicht zu viel zu verraten oder vorab Denkanstöße zu geben. Entsprechend ist auch mein sketchnote etwas karger ausgefallen als sonst. Somit darf sich jeder selbst auf Spurensuche begeben, die unterschiedlichen Charaktere kennenlernen und mit seinem Ermittlungsdrang durchleuchten. Ach ja, eine Frage bleibt offen: Wo ist Jeremy? Der angehende Psychologe? Er darf hier leider nicht zu Wort kommen.

der-schneegaenger-sketch


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Genre: Krimi / VÖ: Januar 2015 / Verlag: Goldmann / Reihe: Band 2 / Region: Deutschland/Berlin


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