“Der Schnee war für April ungewöhnlich. Es hatte die Nacht über geschneit, und am Morgen lag er noch immer zentimeterhoch.” (Buchbeginn)

Frauen. Zusammen an einem Ort. Tagein. Tagaus. So was kann doch eigentlich nicht gut gehen. Doch irgendwie schon. Zumindest in dem Frauenwohnheim in Tokio, in dem die folgende Handlung spielt. Aber ohne einer kleinen Gerüchteküche kommen die Frauen auch hier nicht aus. Und so spielt sich vieles hinter verschlossen Türen und in den Köpfen der alternden Japanerinnen ab. Langweilig wird es dennoch nicht.

Da hätten wir zum Beispiel der Fall der berühmten Geige. Suwa macht ein großes Geheimnis daraus, doch diverse Umstände kommt ans Tageslicht, dass sie einst Geigenschülerin eines großen Künstlers war. Nun soll sich seine berühmte Geige in ihren Händen befinden. Ob das stimmt? Sie selbst verschafft sich Zugang bei Noriko, die alles hortet, um dort Zeitungen aus dem Jahr 1933 zu finden. Nur zu welchem Zweck?

Ein anderer Fall ist der, der Lehrerin Yoneko. Um ihrem Leben wieder mehr Leben einzuhauchen, beschließt sie all ihre alten Schüler anzuschreiben. Fein chronologisch. Nicht, um unbedingt eine Rückmeldung zu erhalten, sondern eher, damit sie etwas macht und sich nicht langweilt. Doch dann bekommt sie doch einen Brief und der bringt sie ins Grübeln. Eine ehemalige Schülerin bittet sie um einen Gefallen. Ob Sie dem nachkommen möchte?

“Diese Frauen, die schon so lange allein in ihren Wohnungen leben, haben ihre kleinen Geheimnisse, die nur ihnen bekannt sind.” (S.21)

So reihen sich die kleinen Geschichten aneinander und verflechten sich plötzlich miteinander. Denn ohne sich dessen bewusst zu sein, sind die Frauen einem alten Fall auf der Spur. In kleinen unabhängigen Abschnitten bekommt man als Leser dezente Hinweise. Die aber nie zu viel verraten, sondern eher neugierig machen. Überschattet wird alles von dem Haus-Umzug. Das gesamte Gebäude soll einige Meter verschoben werden und allein dies sorgt bereits für eine Menge Veränderung.

Das alles klingt im ersten Moment recht umfangreich und verworren. Dazu japanische Namen. Wie soll man sich das alles merken? Kein Problem. Den roten Faden verliert man eigentlich nie. Notfalls kann man sie die Namen notieren und erkennt vielleicht schneller alle Zusammenhänge. Ich habe mich überraschend gut unterhalten gefühlt und freue mich auf einen weiteren Band der Autorin.

Man spürt hier deutliche die vornehme Art der Japannerinnen in den 50er Jahren. Aber auch den dicken Brocken der Vergangenheit, der auf ihren Schultern lastet und wie sie mit den zahlreichen Veränderungen der Gesellschaft lernen müssen umzugehen. Dabei fliegt man förmlich durch das kleine Büchlein und möchte es nicht vor seinem Ende beiseite legen. Bis alle offenen Fragen ihr logisches Ende gefunden haben.

Randnotiz: Hier geht man vor allem auf die japanische Gesellschaft in den 50ern ein. Glaube und Aberglaube, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.


Genre: Crime / VÖ: 1990 / Verlag: Argument Verlag (+ Unionsverlag) / Seiten: 175 / Serie: Einzelband

weitere Kritiken: japanische Literatur Blog,

weitere (dt.) Bände von Masako Togawa:  Trübe Wasser in Tokio, Schwestern der Nacht, …

erhältlich z.B. bei: hugendubel


#JapanSpecial [Aktion]

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