angstrausch, buchkritik, sketchnote, crime

“[…] Hi T, fällt mir nicht leicht, es dir zu sagen, aber ich gehe zurück nach Tibet. Ja. Zurück zu dem Berg, obwohl ich geschworen hatte, nie wieder, erinnerst du dich?” (Buchbeginn)

Ein junger Mann namens Simon liebt den Adrenalinrausch. Höher, schneller und tiefer. Ekliger, grausiger und hart an der Toleranzgrenze. Bei seiner letzten Tour spürt er den Tod auf seinen Schultern. Diese eisige Umarmung haftet selbst Wochen danach noch an ihm. Denn ein Ausflug in ein unterirdisches Höhlensystem läuft nicht so ab, wie geplant. Statt einem netten Klettergang, quetscht er sich durch Rat-Runs, rutscht felsige Gänge hinab und watet hüfthoch im eiskalten Bergwasser. Selbst als er sein eigentliches Ziel erreicht, ist die Gefahr noch Lange nicht vorbei.

Kaum daheim angekommen, will er alles nur noch vergessen. Selbst die Kamera mit den Aufnahmen, DEM Ziel der Aktion, würde er am liebsten verschwinden lassen. Aber sie wurde geborgen und gerät in die Finger seines Freundes Thierry, der daraus ein Youtube Video schneidet und es hochlädt. Innerhalb kürzester Zeit explodiert ihre Followerzahl. Man kann die Dollarzeichen förmlich in ihren Augen sehen. Da kommt jemand fast ums Leben, macht einen Höllentrip durch und die Menschen feiern es. Was für eine Welt.

“Im Prinzip willst du, dass ich beinahe draufgehe, während ich Leichen auf einem Berg filme.”
“Du hast es erfasst.”
“Du bist echt krank, Thierry.” (S.97)

Simon macht es. Statt unter die Erde, geht es nun hoch hinaus. Auf den Mount Everest. Thierry will Ergebnisse sehen, ebenso die Sponsoren und in den frostigen Höhen liegen zahlreiche Leichen, die man filmen kann.  Oder könnte. Denn Simon hat plötzlich ganz andere Sorgen. So eine Besteigung ist eben kein Spaziergang. Man muss fit sein, regelmäßig akklimatisieren und stets auf seinen Körper hören. Lungenödeme und Erfrierungen sind die stummen Begleiter. Und noch etwas ganz anderes.

Dieses “andere” ist etwas, was Simon seit dem Ausflug in den Höhlen begleitet. Er glaubt sogar verrückt zu werden, paranoid. Ein Psychologe wird ihm ans Herz gelegt, doch davon hält er nichts. Fast glaubt er es bekämpft zu haben, da taucht es erneut auf. Mit voller Wucht. Als Leser spürt man es ebenfalls und versucht Simon zu stützen. Ich hatte rasch eine Vermutung was es ist und trotz dieses Wissens ist das Buch nicht minder spannend.

“Nein, ich kann mich das durchkämpfen.

Lass dich von den Mistkerlen nicht unterkriegen, Kleines.

Heute kein Es. (S.151)”

Die stetigen Wechsel, zwischen Simon und einer unbekannten Juliet, sorgen für eine gewisse Spannung, die bis zum Ende anhält. Zeitweise ist es sogar eine innere Anspannung, da man mit beiden mitfiebert. Ihr Leben begleitet und versucht sie zu den richtigen Entscheidungen zu schubsen. Was natürlich nicht geht. Ich mag dieses Stil, den die Autorin bereits in anderen Werken genutzt hat.  Denn es wird nicht einfach nur berichtet. Nein, man wechselt zwischen Erzähler, Tagebuch und Ich-Perspektive hin und her.

Das Buch hat eine Aussage. Viel mehr stellt es eine Frage, die weitere nach sich zieht: Wie weit muss man gehen um Aufmerksamkeit zu bekommen? Wie viel verlangen andere von einem, damit man in ihren Augen etwas Wert ist? Will man diesen “Wert” überhaupt erreichen? Ist man bereit über Leichen zu gehen? Sich dabei manipulieren zu lassen? Oder steht man seinen Mann und geht seinen eigenen Pfad?

 

Mir hat das Buch wirklich gefallen. Man ist stehts hautnah dabei, was den wunderbaren Beschreibungen von Sarah Lotz zu verdanken ist und klebt bis zur letzten Seite an ihren erschaffenen Charakteren. Von daher kann ich einen absoluten Lesetipp aussprechen. Wer eine kleine Phobie gegen Berge hat, sollte das Buch dagegen nicht zur Hand nehmen, denn zu 80% geht es um das Bergsteigen.

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Genre: Crime / VÖ: November 2018 / Verlag: Goldmann / Serie: Einzelband

erhältlich bei: hugendubel.de


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