“Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macbeth, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht”
(Berthold Brecht)

Judith O’Higgins ist Rechtsmedizinerin. Sie obduziert bis zu 500 Leichen jährlich. Der Tod ist ihr ständiger Begleiter. Etwas, was der Beruf mit sich bringt und dessen sie sich absolut bewusst ist. Schließlich ist sie auch nur ein Mensch. Ein Mensch mit einem Leben und Gefühlen. Der Beziehungen führt, Hobbys hat und Abends weg geht. Genau so muss man sich auch das Buch von ihr vorstellen.

Hier werden nicht nur Fälle beschrieben und die Vorgehensweise während der Obduktion in den kühlen Räumen der Rechtsmedizin. Nein, sie nimmt uns mit nach draußen, an den Tatort. Führt uns an die Momente heran, die sie geprägt, beeinflusst und erschüttert haben. Entsprechend startet sie mit dem ersten Tatort. Mitten in der Nacht, kommt der Anruf eines Kollegen rein, ob sie mitkommen möchte und natürlich sagt sie nicht nein.

“Ich wusste, dass es an einem echten Tatort nicht so zugeht, wie es in den meisten Krimis dargestellt wird. Das eine war Realität, das andere Fiktion – wie oft hatte ich mir das während des Studiums anhören dürfen! Trotzdem hatte ich, seit ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut beschäftigt war, den Tag, an dem ich das erste Mal einen Tatort sehen würde, insgeheim regelrecht herbeigesehnt.” (S.11)

Es ist eine Frauenleiche. Übel zugerichtet in den eigenen vier Wänden. Von dem eigenen Freund. Zumindest deutet alles darauf hin. Doch der Mann kann oder will sich nicht daran erinnern, seine Freundin umgebracht zu haben. Da könnte der starke Alkoholpegel wohl eine Rolle gespielt haben. Letztlich kann man erst nach der Untersuchung der Leiche genau sagen, was passiert ist. Hier kommt dann Judith O’Higgins ins Spiel.

Vor allem Taten aus der “Nachbarschaft” bringt die Rechtsmedizinerin zu Blatt. Von der Strangulation, hin zu üblen post mortem Verstümmelungen, bis zu dem netten Nachbarn, der wegen unerwiderter Liebe einer verheirateten Frau ihre Familie mit einem Säbel regelrecht hingerichtet und aufgeschlitzt hat. Auch die Kinder. Wer hat überlebt und die Körper gefunden? Der Familienvater.

“Der junge Mann, der das Massaker angerichtet hatte, lebte nur ein paar Schritte von der Familie entfernt, in der Wohnung seiner Mutter. Sie alle kannten sich, der Täter war bei der Familie ein und aus gegangen.” (S.65)

Fast jedes Kapitel wird mit einem Fall eingeleitet. Dann schweift sie ab. Berichtet über die Umgebung, Ereignisse aus ihrem Leben, was sie privat macht, zum Ausgleich. Ihre Entscheidung von Deutschland nach England zu ziehen und natürlich ihre Leidenschaft zur Musik, als Saxophonistin. Irgendwann kommt man dann an den Punkt, wovor sich wohl jeder graut: Ein guter Freund landet auf ihrem Seziertisch. Dabei ist sie sich nicht einmal bewusst, dass sie ihn kennt. Es ist ein Körper. Ein Körper, der einem Motorradfahrer gehört, der bei einem Unfall geköpft wurde.

wahre verbrechen blood

Der Stil des Buches ist ungewohnt. Zugegeben war ich anfangs skeptisch, ob es mich begeistern kann, eben weil es eher eine Biographie ist und kein reines Buch über den Beruf einer Rechtsmedizinerin. Allerdings flechtet O’Higgins alles geschickt ein und findet eine recht gute Balance zwischen privat und Beruf. Wie auch im echten Leben. Nur wenige Stellen haben mich die Stirn kraus ziehen lassen, da sie stets erneut von ihrer Liebe zur Musik und Freund anfing. Hier wäre weniger mehr gewesen. Denn man weiß schnell, dass ihr Herz für beides schlägt: Saxophon und Rechtsmedizin.

Ein dicker Pluspunkt ist ihr Vergleich zwischen Deutschland und England. Wie viele Leichen man in Deutschland obduziert, wie angesehen man in dem Beruf ist und was ihn ausmacht. Da liegen die Schwerpunkte in England ganz anders. Zumal sie dort quasi selbstständig und nicht an einem Institut fest angestellt ist. So etwas kann Vorteile mit sich bringen, aber auch Nachteile. Wer mehr wissen möchte, sollte sich das Buch schnappen und lesen!

>> Rechtsmedizin mal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet!

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[tab title=”Steckbrief Autor “]

Steckbrief zu Judith O’Higgins

*1971

– studierte Medizin & Musikpädagogik

– lebt und arbeitet in London als Rechtmedizinerin & Jazz-Saxophonistin

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[tab title=” Eckdaten zum Buch”]

VÖ: 2013
Verlag: Fischer Verlage
ISBN: 978-3810513212
Kaufen: als Print oder ebook bei Fischer Verlage

Genre: wahre Verbrechen in Deutschland
Beruf: Rechtsmedizinerin

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[tab title=” weitere Werke”]

keiner weiteren Werke bekannt

spielt in der “The Abstract Truth Big Band

mehr zur Band gibt es auf dem Channel ihres Mannes Dave (Direktlink zu youtube)

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wahre verbrechen

Der nächste Beitrag folgt bei Conny. Macht euch auf die Verbrechen der Vergangenheit gefasst!


 

3 thoughts on “|Aktion| “Spuren des Todes”

  1. Hmmmm…mich hat jetzt wirklich etwas das Private abgeschreckt, da mich persönlich ja gar nicht interessiert. Und nun weiß ich auch nicht – kaufen oder nicht kaufen. Mit Deiner Rezension machst Du es mir echt nicht leicht, denn ich will ja genauso gerne mit ihr am Seziertisch stehen, herumwühlen und entdecken was das Opfer noch so zu erzählen hat.
    *grübel, grübel und studier, was mach ich nun mit dem Buch hier?*

    1. Es ist dünn, unter 300 Seiten. Man bekommt es günstig gebraucht. Oh, und es gibt eine Leseprobe von 19 Seiten im Netz :P
      Danach kannst ja immer noch entscheiden ;)

      Ich wusste das Private nicht und war daher etwas verplüfft als es diesen Weg einschlug. An vielen Stellen passt es perfekt, da man echt hautnah dabei ist: Am Tatort, ihren Gedanken, den Gesprächen, Gefühlen usw.
      Das andere sieht man oben und das ist meine einzige Kritik an dem Buch.

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