26. Februar bis 7. März 2021

Zehn Tage lang fand das Japanese Film Festival – kurz JFF Plus Festival* – statt. 2016 gegründet und anfangs auf den asiatischen Raum beschränkt, entwickelte es sich in den letzten Jahren und war dieses Jahr für 20 Ländern – u.a. Deutschland – online kostenfrei verfügbar. Dank eines tweets von der Nippon Connection wurde ich auf das kleine Event aufmerksam. In einem Zeitraum von jeweils 24h konnte man sich pro Tag drei Filme bzw. Dokumentationen anschauen. Knapp bemessen und gar nicht so einfach in den Alltag integrierbar. Sofern man alles schauen möchte.

Ich selbst habe vorab geschaut, was es so alles gibt und (zum Glück) festgestellt, dass mich nicht jedes Werk interessiert. Seichte Dramen und Romancen oder gar Musicals sind nicht so meine Welt. Ein Thriller war mit am Start und den … den habe ich verpasst. So viel zu meiner superdupertollen Planung. Letztlich bin ich vor allem an den Dokus hängen geblieben, die ich jetzt einmal im Schnelldurchlauf vorstelle:

One Night (2019) – von Kazuya Shiraishi

Ein gewalttätiger Ehemann, Kinder mit Blessuren, eine Frau die leidet und eine folgenschwere Entscheidung trifft: Sie bringt ihren Mann um. Sie weiß, dass sie ins Gefängnis muss und verspricht ihren drei Kindern zurückzukommen. 15 Jahre später ist es soweit. Vier Menschen, die sich komplett unterschiedlich entwickelt haben und mit der Vergangenheit abgeschlossen haben – oder auch nicht.

interessanter Plot, der eine gute Ausgangslage hat, verschiedene Perspektiven & Meinungen auf die Tat und ihre Folgen, zeitweise recht ruhig, fast zu ruhig, zwischenzeitliche rasante Passagen, vor allem gegen Ende


Fazit: “One Night” fängt gut an, fällt dann in ein Loch, bevor es sich am Ende noch einmal aufrappelt. Müde sollte man diesen Film nicht schauen.

Tremble all you want (2017) – von Akiko Ohku

Yoshika, 24 Jahre alt und noch ungeküsst. Sie träumt von einem Schulkameraden (Ichi – Eins), in den sie verliebt war und schwelgt in Erinnerungen an damalige Begegnungen. In der Gegenwart gesteht ihr ein Arbeitskollege (Ni – Zwei) seine Liebe und bemüht sich um ihre Aufmerksamkeit. Das bringt die junge Frau total aus dem Konzept und sie versucht sich ihm zu öffnen. Ob sie damit endlich ihre erste Romanze begraben kann?

Romanzen und ich, eine Herausforderung; niedlich, zuckrig ohne extremen Kitsch; Überzeichnungen von Momenten, die zum Film passen; eine Frau, die Neues an sich heranlässt, anfangs skeptisch, später immer offener


Fazit: “Tremble all you want” ist eine niedliche Romance, ganz im japanischen Stil, die man ohne Bedenken schauen kann, wenn man solche Filme mag. Mir war es ein Hauch zu viel des Guten, auch wenn ich die Entwicklung mitsamt dem inneren Schweinehund von Yoshika gerne beobachtet habe.

Tora-san in Goto (2016) – von Masaru Oura

Startschuss ist das Jahr 1993. In den nächsten 22 Jahren begleitet man den Familienalltag einer Familie, die Udon Nudeln herstellt. Der Inhaber des Geschäfts heißt Inuzuka Torao und ist allen unter der Kurzform “Tora of Goto” bekannt. Goto ist eine kleine Inselgruppe, die zu Nagasaki gehört und besteht aus über 140 kleinen Inseln. Man hat mit dem Schwund der jungen BewohnerInnen zu kämpfen und ist stolz für jedes junge Gesicht, was sesshaft wird und nicht auf das Festland “flüchtet”. Auch in der kleinen Familie ist das Thema: Wer führt den Betrieb weiter? Wird überhaupt eines seiner sieben Kinder das Geschäft übernehmen. Ein Familienportrait der anderen Art.

die Herstellung von Udon, ein Familienleben mitsamt Alltag, das Heranwachsen der Kinder, die Veränderung des Charakters (vor allem von Tora-san), die Frage nach der Zukunft, alles wunderbar in Szene gesetzt, sanft kommentiert aus dem Off, ohne Dramatik und Übertreibungen


Fazit: Gute japanische Dokumentationen wissen, wie sie etwas dokumentarisch zeigen können, ohne Extreme zu verarbeiten. Einfach “stumme” Beobachter hinter der Kamera. Genau das bekommt man hier. Da hat man am Ende das Gefühl die Familie persönlich zu kennen.

Tsukiji Wonderland (2016) – von Naotaro Endo

Fischmärkte in Japan sind immer wieder ein gern gesehenes Objekt der (Film)Begierde. Hier geht es um den Tsujiki Fischmarkt. Er war der größte Fischmarkt weltweit und befand sich in dem Tokioter Viertel Chuo. Durch zahlreiche Störfaktoren, wie einer Rattenplage und schädlicher Substanzen im Boden, wurde er letztlich 2018 dort geschlossen und zog nach Toyosu um. In der Dokumentation wird das Flair und der Arbeitsalltag von Tsukiji eingefangen.

fischig, glitschig, kalt und flutschig – man kann ihn förmlich riechen und das im positiven Sinne; es wird gezeigt, geboten, ersteigert, gekauft und verladen; Vertrauen zwischen KäuferInnen und Köchen; Freude und Leben; Arbeitsalltag auf einem XXL-Fischmarkt


Fazit: In “Tsukiji Wonderland” wird die gute Seite des Fischmarktes gezeigt, wieder stets beobachtend und wohlwollend. Mit zeitweise zu wohlwollend, was den Fischfang in Japan betrifft. In der Hinsicht war der Film mir zu einseitig. Keine kritische Stimme kommt zu Wort. Ansonsten wunderbares Kino.

Peace (2010) – von Kazuhiro Soda

Sodas Vater betreibt einen kleinen Fahrdienst. Er kümmert sich um die älteren und behinderten Menschen, die ohne Hilfe nicht von A nach B kommen würden. Ruhig und einfühlsam nimmt er sich dieser Menschen an und hilft ihnen durch den Alltag. Dabei ist Kashiwagi Tashio selbst kein junger Hüpfer mehr. Er steht kurz vor der “Rente”, wenn er seinen Führerschein abgeben muss und somit den Fahrdienst nicht mehr ausüben kann bzw. darf. Dafür zeigt er anderen seinen Beruf. Ohne zu beschönigen, ohne Seifenblase, macht er klar, was man in dem Job verdient (nichts) und welche menschlichen Erfahrungen man dabei sammelt (viele).

sanft und ruhig; nüchtern und sachlich; Menschen, die in Japan gerne abgestempelt werden, bekommen hier Hilfe und Unterstützung von einem Mann, der gerne hilft und dieses Wissen weitergibt, zeitgleich kümmert er sich um zahlreiche streunende Katzen


Fazit: “Peace” zeigt das, was der Titel schon sagt; Frieden. Dabei beschönigt der alte Herr nichts, sondern sagt klar was Sache ist. Dabei schleicht er sich in das Herz des Zuschauenden. Oh und die Katzen nicht vergessen!

Die folgenden Filme habe ich entweder angerissen, komplett geschaut oder verpasst und somit vorgemerkt. Es gab noch einige kurze Animationsfilme, die mir allerdings inhaltlich nicht sonderlich zugesagt haben. Doch an “The girl from the other side“, einer kleinen Animation des Manga, kam ich nicht dran vorbei. Ein wenig Zucker für den letzten Tag des Festivals.

Gern gesehen hätte ich noch “0,5mm” aus dem Jahr 2014 von Momoko Ando. Mit 3h ist er allerdings nicht recht kurz und alltagstauglich. Wird jedoch nachgeholt und das nicht nur, weil ich Sakura Ando gerne sehe.
In “little nights, little love” aus dem Jahr 2019 habe ich kurz reingeschaltet, sagte mir nicht zu.
Auch “Tokyo marble chocolate” ein Animationsfilm war nicht ganz nach meinem Geschmack.


Alles in allem war das JFF Plus Festival eine interessante Erfahrung. Schade, dass man die Filme immer nur 24h schauen konnte. Bei 48h oder gar gegen einen Ticketpreis, hätte man noch mehr schauen können. Vielleicht ändert sich das beim nächsten Mal. Als nächstes steht im Juni das Nippon Connection Film Festival statt, was wieder teilweise online stattfinden wird. Ich freu mich!

2 thoughts on “|Film| “JFF Plus Festival 2021”

  1. Oh, “Peace” klingt toll und jetzt ärgere ich mich ein wenig, dass ich den nicht gesehen habe. Aber wie du schon schreibst, hat man auch gar nicht die Zeit, alles zu schauen. Ich habe auch ein paar geplante Filme nicht sehen können. Von daher finde ich die 24h-Begrenzung auch echt schade, noch dazu, weil die Filme ja am Vormittag starteten – wenn man da einmal einen langen Arbeitstag hat, kann man das Verpasste nicht mal am nächsten Tag zu einem früheren Feierabend nachholen. Und gerade, wenn man Filme empfehlen möchte, haben die dann einfach keine Chance, diesen Film nachzuholen. Eine Begrenzung ist ja durchaus korrekt, aber vielleicht hätte man den Zeitraum zumindest auf 48h pro Film ausdehnen können. Andererseits können wir froh sein, dass es diese Möglichkeit zur Teilnahme am Festival überhaupt gab :)

    1. Ich fand es schon mal toll, dass Deutschland die Filme auch schauen konnte! Netflix holt ja immer mehr asiatische Filme + Dokus rein, wobei aktuell der Fokus eher auf Korea liegt und die neue Doku über Samurai ist im amerikanischen Stil (schauder). Ansonsten hat man recht wenig Zugriff. Man “muss” gezielt andere Streamingdienste holen, discs kaufen (am schnellsten aus US/UK) oder auf so nette Events warten.
      Erfreuen wir uns daher an den kleinen Dingen :3

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